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Kapitel

Zwei Bewohner unterhalten sich im Eingangs-Bereich der Claudius-Höfe

Wohnen – Wie wollen wir leben?

Kapitel 2
Zusammenleben im Quartier

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Erfahrungen

Das Dorf in der Stadt

Moderne, helle Wohnungen, die barrierefrei gestaltet sind und die unterschiedlichsten Bedürfnisse erfüllen. Nicht am Stadtrand gelegen, sondern mittendrin – und trotzdem ruhig. Ein Leben, das nicht allein und abgeschieden ist, sondern gemeinsam mit anderen Menschen jeden Alters stattfindet, mit und ohne Behinderung, als Gemeinschaft und doch selbstbestimmt. Geht das? Und wenn ja: Wie sieht das aus?

Die Claudius-Höfe in Bochum, in die im Jahr 2012 die ersten Menschen einzogen, sind ein Beispiel dafür, wie gemeinschaftliches Mehrgenerationen-Wohnen im Stadtzentrum aussehen kann – und wie es tatsächlich funktioniert. Rund 180 Mieter leben heute in der Wohnanlage, die bereits mit vielen Preisen und Urkunden bedacht und von der NRW-Ministerin Svenja Schulze als „Ort des Fortschritts“ ausgerufen wurde.
Nach mehr als vier Jahren ist es Zeit, eine Bilanz zu wagen: Wie empfinden die Menschen, die hier leben, ihr neues Zuhause? Haben sich die anfänglichen Erwartungen und Wünsche an das innovative Wohnkonzept erfüllt? Was ist vielleicht doch anders geworden als erwartet? Vier Bewohnerinnen und Bewohner sprechen über ihre Erfahrungen und Eindrücke, die sie in ihrer neuen Heimat gewonnen haben.

Ein gutes Gleichgewicht aus Nähe und Anonymität

Helga und Klaus Wengst, 72 und 74 Jahre alt, leben seit 35 Jahren in Bochum. Im Herbst 2012 zog das Ehepaar aus ihrem Haus am Stadtrand in ein sonnendurchflutetes Appartement in den Claudius-Höfen. Für Klaus und Helga Wengst war der Schritt eine bewusste Entscheidung, mit der sie auch heute noch sehr glücklich sind.

Im Interview erzählt Klaus Wengst über das Zusammenleben in den Claudiushöfen Bochum (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Klaus Wengst berichtet: „Meine Frau und ich haben früher in einem ehemaligen Pfarrhaus mit großem Garten am Stadtrand in Bochum-Laer gelebt. Ich habe dort Wein angebaut, wir konnten regelrecht den Klimawandel beobachten, weil die Ernte jedes Jahr besser wurde. Aber ich wusste: Das kann und will ich nicht ewig machen. So ein Haus und vor allem ein großer Garten machen sehr viel Arbeit, außerdem zog es mich immer öfter Richtung Innenstadt. Eines Tages erzählte mir Helga von einem Wohnprojekt, von dem sie über ihre Gesangslehrerin erfahren hatte. Ganz in der Nähe des Bahnhofs sollte ein generationenübergreifendes ‘Dorf in der Stadt‘ entstehen, in dem verschiedene Menschen aller Altersgruppen – mit und ohne Behinderung – in ihren eigenen Wohnungen leben sollten. Ich war sofort Feuer und Flamme und wollte unbedingt mehr wissen. Also habe ich mich informiert – und fand die Idee immer toller, je mehr ich erfahren habe.

„Wir haben uns aktiv in die Planungen eingebracht.“

Wir haben uns direkt beworben und anschließend auch in die Planungen eingebracht. Genau das war auch von Anfang an erwünscht, außerdem sollten sich die zukünftigen Mieter schon vorher kennenlernen. Wir sind schon bei den ersten Vorbereitungstreffen dabei gewesen. Eine Ingenieurin begleitete das Ganze und überlegte mit uns gemeinsam, wie und was genau geschehen sollte. Ab diesem Zeitpunkt dauerte es noch ganze vier Jahre bis zum Einzug – das hätte ich gerne viel schneller gehabt, ich konnte es wirklich kaum erwarten.

Weil wir zu den ersten und damit zur Kerngruppe der Mieter zählten, durften wir bei vielem mitreden und auch darauf einwirken, wie sich die spätere Mietergemeinschaft zusammensetzen sollte. Heute sind ein Drittel der Bewohner in den Claudius-Höfen zwischen 40 und 60 Jahren alt, ein Drittel sind „Oldies“ jenseits der 60 – so wie wir (lacht). Das letzte Drittel sind jüngere Menschen. Wir wohnen hier also mit Familien, Senioren, Studierenden und Kindern zusammen, darunter auch Menschen mit Behinderung. Das ist eine schöne Mischung.

Wir haben unsere Entscheidung nie bereut, ganz im Gegenteil. Wichtig war uns, dass das hier keine „Kommune“ ist. Es muss viel Nähe zu anderen, aber auch genug Abstand geben. Das hat sich bewahrheitet. Im Grunde funktioniert dieses Wohnprojekt wie ein normales Wohngebiet auch, aber eben mit einer stärkeren gemeinschaftlichen Idee dahinter. Jeder kann selbst entscheiden, wie viel Kontakt sie oder er zu den anderen möchte, wobei wir uns schon sehr bewusst dafür entschieden haben, hier zu leben. Es war ja nie die Idee, dass wir hier einziehen und dann isoliert bleiben. Das hätten wir auch woanders haben können.

Aber: Alle Menschen haben unterschiedliche Interessen. Ich bin zum Beispiel Wissenschaftler mit Leib und Seele, war früher Professor für das Neue Testament und Judentumskunde hier an der Ruhr-Universität. Ich habe meinen Beruf immer geliebt, mittlerweile bin ich im Ruhestand, arbeite aber weiterhin an meinen Themen, wann immer ich Zeit finde. Zugleich ist die Gemeinschaft ein wichtiger Teil des Konzepts. Ob das gut klappt, ist von allen abhängig, die hier leben. Ich finde, dass es insgesamt gut funktioniert. Mir macht es viel Spaß, mich für die Gruppe zu engagieren, zum Beispiel in Form des Kulturvereins, den ich gleich zu Anfang mitgegründet habe: „KuKuC“, das ist die Abkürzung für „Kunst und Kultur in den Claudius-Höfen“. Auch viele andere Mieterinnen und Mieter – wenn auch nicht alle – bringen sich immer wieder ein mit ihren Ideen oder besonderen Angeboten. Und was mit das Tollste für mich ist: Ich hätte vorher nicht gedacht, dass hier so viele Kontakte und echte Freundschaften entstehen würden. Ich bin sehr glücklich, hier zu leben.“

Helga Wengst berichtet über Ihr Leben in den Claudius-Höfen
Helga Wengst hat alle Zweifel über Bord geworfen und fühlt sich in der Hausgemeinschaft wohl.

Helga Wengst erzählt: „Ich brauchte etwas länger als mein Mann, um mich mit der Idee der Claudius-Höfe anzufreunden. Meine Gesangslehrerin hat eine Tochter mit Down-Syndrom. Sie erzählte mir von dem geplanten Wohnprojekt, bei dem sie ihr mittlerweile erwachsenes Kind als Mieterin anmelden wollte. Ich trug das an Klaus weiter, der direkt begeistert war. Ich war von der Idee auch sehr fasziniert, hatte aber Angst, dass mir diese Wohnform viel zu bestimmend sein würde. Ich wollte mir meine Freunde selbst aussuchen und sie nicht ‘aufgedrückt‘ bekommen. Die Mieter sollten sich zwar vorher kennenlernen, aber ich hatte Zweifel, denn es war ja dem Zufall überlassen, wen wir dort treffen würden. Man verabredete sich ja nicht, weil man gemeinsame Interessen und Leidenschaften hatte, wie das bei Freunden der Fall ist. Zugleich hatte ich in unserer alten Nachbarschaft viele Kontakte in der Gemeinde und durch die Kirche. Ich hatte Sorge, dass diese Freundschaften durch den Umzug verloren gehen könnten. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass sich die Bedenken sehr bald in Wohlgefallen auflösen würden.

„Nach einem halben Jahr war ich richtig angekommen. Ich habe viele neue Freundinnen und Freunde dazu gewonnen.“

Als wir hier eingezogen sind, habe ich mich noch nicht so richtig heimisch gefühlt, sondern mehr wie in einer schönen Ferienwohnung. Nach einem halben Jahr war ich dann aber richtig angekommen. Ich habe hier ganz wider Erwarten neue Freundinnen gefunden, also Menschen dazugewonnen und nicht alte Kontakte durch neue ersetzt. Das war alles auch kein Zwang, sondern eine freiwillige Möglichkeit und für mich eine echte Bereicherung. Rückblickend bin ich sehr glücklich, dass wir diesen Schritt gemacht haben. Auch die Tatsache, dass alle Wohnungen barrierefrei gebaut sind, hat sich schon als großer Vorteil für mich erwiesen. Anfangs fand ich das ungünstig, weil dadurch viel Platz für den Flur und das Badezimmer verloren geht, den ich zum Beispiel lieber im Wohnzimmer gehabt hätte. Aber dann bin ich gestürzt und brauchte mehrere Wochen lang einen Rollstuhl. Wäre die Wohnung dafür nicht so passend geschnitten und eingerichtet gewesen, wäre ich alleine nicht klargekommen. So ging das wirklich gut, und das ist auch in Zukunft ein wichtiges Argument für uns, hier zu leben. Wir werden ja beide nicht jünger (lacht).

Was auch toll ist: Ich empfinde hier entgegen meiner anfänglichen Sorge keinen sozialen Druck, mich dauernd einbringen oder mit allen gleichermaßen Kontakt haben zu müssen. Es ist ohnehin so, dass sich nicht immer alle treffen. Es haben sich ganz natürlich verschiedene Gruppen gebildet. Manche Mieter sieht man nie, wohl auch wegen der unterschiedlichen Tagesgewohnheiten; mit anderen haben wir regelmäßig Kontakt. Dieses Wohnprojekt bietet aber eben trotzdem die Möglichkeit, sich über diese Kleingruppen hinweg zu begegnen. Der Gemeinschaftraum zum Beispiel ist für alle da. Er ist in der Miete enthalten und dort finden regelmäßige Treffen, zum Beispiel Kaffeestunden oder Kurse statt. Nur, wenn er privat gemietet wird, zum Beispiel für eine Familienfeier, muss eine kleine Gebühr bezahlt werden, die aber trotzdem sehr günstig ist. Solche gemeinschaftlichen Orte dienen hier als Treffpunkt, der im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend für alle ist. Mir fällt da unsere 85-jährige Nachbarin ein, die früher Volkstänze unterrichtet hat. Sie hat im Gemeinschaftsraum einmal einen Tanzkurs angeboten. Dort tauchte dann wirklich sehr gemischtes Publikum aus den Claudius-Höfen auf, von jung bis alt, auf Beinen und sogar im Rollstuhl. Das war sehr schön.“

Helga und Klaus Wengst sitzen am Esstisch
Das Ehepaar Wengst in ihrer hellen, großzügigen Wohnung.

Mit Einschränkungen gut

Marinus Goers war 25 Jahre lang Vermittler im Arbeitsamt und ist inzwischen in Rente. Er lebt mit seiner Frau seit vier Jahren in den Claudius-Höfen. Er ist zufrieden, auch wenn einiges anders ist, als er es sich erhofft hatte. Der 69-Jährige wünscht sich noch mehr Engagement der anderen Mieter – und manchmal fehlen ihm im Alltag etwas die Anknüpfungspunkte mit den Nachbarn.

Marinus Goers berichtet über sein Leben in den Claudius-Höfen
Marinus Görs bringt sich gern in die Gemeinschaft ein.

Marinus Goers berichtet: „Ich war schon im Ruhestand, als ich von dem Projekt in der Tageszeitung gelesen habe. Die Idee vom ‚Dorf in der Stadt‘ fanden meine Frau und ich beide sehr gut. Wir hatten zum Beispiel die Hoffnung, hier nicht mehr ganz so anonym zu leben wie in unserer alten Nachbarschaft, sondern regelmäßiger Menschen zu treffen und aktiv zu sein. Besonders interessant war für uns zudem die Tatsache, dass alle Wohnungen barrierefrei gestaltet werden sollten. Meine Frau und ich sind schon älter, Heidi hat außerdem Probleme mit der Hüfte. Sie ist deshalb momentan auf Gehhilfen angewiesen und da ist es schon gut, wenn sie zum Beispiel nicht mehr die Hürde einer hohen Badewanne überwinden muss wie in unserer alten Wohnung. Das hat sich in unserem Apartment erfüllt, wobei es insgesamt in Sachen Barrierefreiheit durchaus noch Verbesserungsbedarf gibt: Die rund 30 Eingangs-, Durchgangs- und Kellertüren sind für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollatoren und Gehhilfen kaum zu handhaben, weil sie sehr schwergängig sind und nicht einfach per Knopfdruck geöffnet werden können. Außerdem hat unser Gemeinschaftsraum keine Behindertentoilette, im Veranstaltungssaal fehlt überhaupt ein WC.

„Ich wünsche mir noch mehr Kontakt zu den behinderten Nachbarinnen und Nachbarn.“

Insgesamt sind wir aber sehr zufrieden. Wir leben jetzt seit vier Jahren hier, angefangen hat alles mit den Mietertreffen. Ein Mal pro Monat haben wir uns damals verabredet und kennengelernt und uns auch zwischendurch gegenseitig besucht. Bei einem der Ehepaare haben wir zum Beispiel im Garten gegrillt und Fußball geschaut, das war ein sehr schöner Anfang. Auch im Nachhinein finde ich es sehr wichtig, dass es schon vorher, also bevor das Wohnprojekt überhaupt umgesetzt wurde, Kontakt mit den anderen Mietern gab, denn diese Leute füllen das Ganze hier ja mit Leben. Wir wussten damals sicher voneinander, dass wir alle Lust auf diese Wohnform hatten und bereit waren, uns auch zu engagieren. Unsere Erwartungen haben sich erfüllt, allerdings nicht so vollständig wie anfangs gehofft. Ich schätze mal, etwa die Hälfte der Mieter bringt sich regelmäßig ein. Das ist schon recht viel, ich wünsche mir aber noch mehr. Einige der später hinzugekommenen Mieter haben aus meiner Sicht nicht so ein starkes Gemeinschaftsgefühl wie die „alten Hasen“. Die kennen wir kaum, weil viele von ihnen sich eher raushalten und selten blicken lassen. Das finde ich schade, denn diese Zurückhaltung steht der Idee des Wohnens hier entgegen.

Ich würde mich dagegen eher zu den „Kümmerern“ zählen, weil ich viel für die Gemeinschaft mache. Da ist es eben auch einfach nicht so schön, wenn das von manchen nicht so stark zurückkommt. Mir ist aber auch klar, dass so ein gemeinschaftliches Wohnen nie genau so werden kann, wie man es sich vorher ausmalt. Erst die Zeit zeigt, wie gut das klappt und wo es hakt, ob die Menschen miteinander gut funktionieren und ob die Erwartungen sich erfüllen.

Was ich mir auch anders wünschen würde: Das Zusammentreffen mit Menschen mit Behinderung, die hier in Wohngruppen leben, ist zumindest aus meiner Sicht viel schwieriger als gedacht. Es gibt kaum Anknüpfungspunkte. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir jeweils ganz andere Tagesabläufe haben. Tagsüber zum Beispiel haben meine Frau und ich als Rentner viel Zeit. Während der Woche sind genau dann aber viele der Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung bei der Arbeit – und die Wochenenden verbringen sie meistens auch nicht hier, sondern bei ihren Familien. Da gibt es dann keine Zeit mehr für den Kontakt zur Gemeinschaft.

Vielleicht fühlt sich das auch nur für uns selbst so an, denn wir sind ja insgesamt 180 Mieterinnen und Mieter hier in den Claudius-Höfen. Es gibt mehrere kleinere Gruppen innerhalb der Gemeinschaft, in denen die Leute sicher stärker den Kontakt zueinander halten. Das Claudius-Theater scheint da ein sehr guter Anknüpfungspunkt für viele zu sein. Außerdem unterstützen sich die Menschen mit Behinderungen in ihren Wohngruppen sehr viel gegenseitig. Gegenüber wohnt zum Beispiel eine sehr engagierte Frau mit Behinderung, die immer viel für ihre Mitbewohner getan hat. Jetzt ist sie selbst sehr krank geworden. Es ist schön, zu sehen, wie die anderen ihr das Engagement wieder zurückgeben: Ihre WG organisiert die Wochenenden so, dass immer jemand bei der Frau bleiben und ihr Gesellschaft leisten kann. Das ist eine toll gelebte Gemeinschaft, finde ich – so wie ich es mir auch insgesamt wünsche.“

Der Eingangsbereich zum Wohn-Quartier.
Zwei Bewohner unterhalten sich im Eingangs-Bereich der Claudius-Höfe
Ein Plausch unter Nachbarn …
Zwei Bewohner unterhalten sich im Eingangs-Bereich der Claudius-Höfe
… ist immer willkommen.

Gelebte Gemeinschaft

Sebastian Drolshagen lebte sein ganzes Leben bei seinen Eltern, denn wegen einer angeborenen spastischen Lähmung kann der heute 33-Jährige nicht laufen oder allein aufstehen. Im Jahr 2013 bezog der junge Mann zusammen mit drei weiteren Menschen eine Wohngruppe in den Claudius-Höfen in Bochum: seine erste eigene Wohnung. Mit seiner Lebenssituation in der beinahe vollständig barrierefreien Anlage ist er auch heute noch zufrieden und fühlt sich zwischen Mitbewohnern und Nachbarn sehr wohl.

Sebastian Drolshagen erzählt im Interview, wie wohl er sich in den Claudius-Höfen fühlt (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Sebastian Drolshagen erzählt: „Als ich das erste Mal hier auf dem Gelände war, war alles noch im Rohbau. Damals konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, hierher zu ziehen, so mitten in die Stadt, direkt um die Ecke vom Bahnhof. Ich dachte, dass es hier sehr laut und unruhig sein würde, und das wollte ich nicht. Diese Bedenken haben sich allerdings schnell gelegt, als die Claudius-Höfe fertiggestellt waren. Es lebt sich sehr ruhig hier – und das Projekt hat wirklich Dorfcharakter. So ähnlich war es auch mit den sonstigen Zweifeln, die ich anfangs hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, plötzlich in einer WG mit Leuten zu leben, die ich womöglich gar nicht kenne. Ich habe ja immer mit meinen Eltern zusammengewohnt. Aber es war einfach an der Zeit, etwas Eigenes zu finden, denn die beiden werden mich nicht ewig pflegen können. Über kurz oder lang hätte ein Pflegedienst einspringen müssen, und das wollten wir alle nicht.

„Es war eine gute Entscheidung, in die Claudius-Höfe zu ziehen.“

Ich habe mir also verschiedene Wohnprojekte angeschaut, aber die waren nichts für mich. Bei den Claudius-Höfen war es anders. Ich hatte schon an der Matthias-Claudius-Gesamtschule, in die ich damals ging, davon gehört. Deren Träger ist das Matthias-Claudius-Sozialwerk, das auch das Wohnprojekt entwickelt hat. So kannte ich früh viele Leute, die damit zu tun hatten. Einige meiner langjährigen Mitschüler haben dann gegen Ende der Schulzeit ebenfalls überlegt, hier einzuziehen – und daraus wurde ein konkreter Plan. Wir sind zu Informationsveranstaltungen gegangen und haben die Entstehung der Claudius-Höfe von Anfang an begleitet. Zwei dieser Mitschüler sind heute meine Mitbewohner, einen von ihnen kenne ich nun schon seit 19 Jahren. Die Zusammensetzung bei uns passt sehr gut. Wir sind eine Vierer-WG, wohnen aber nicht nur zweckmäßig zusammen, sondern verbringen auch viel Freizeit miteinander. Ich kann ich mir gut vorstellen, auch in Zukunft hier zu sein, auch wenn mein Zuhause, so empfinde ich das, immer noch bei meinen Eltern ist. Aber das wird sich vielleicht über die Jahre langsam verändern.

Die Entscheidung, hierher zu ziehen, war auf jeden Fall richtig. Ich fühle mich sehr wohl und kenne inzwischen viele Leute. Nicht alle 180 Mieter, die hier wohnen. Das will ich auch gar nicht, weil mir das viel zu viel wäre, das sage ich ganz ehrlich. Aber mit den Menschen, die mittlerweile zu meinem engeren Kreis gehören, bin ich per du und wir kommen sehr gut miteinander aus. Ich engagiere mich auch als ehrenamtliches Mitglied im Bewohnerrat und singe hier im Singkreis mit. Über eine Sache freue ich mich dabei besonders. Mein Assistent vom LWL ist nur drei Mal in der Woche da – und wenn er keine Zeit hat, springt mein kleines „Helfernetzwerk“ ein, dass ich mir aufgebaut habe. Dazu gehören fünf, sechs Nachbarn, mit denen ich inzwischen sehr vertraut bin. Wenn zwischendurch mal was anliegt, kann ich immer einen von ihnen anrufen. Neulich habe ich zum Beispiel eine Maschine mit Bettwäsche gewaschen. Solche großen Wäschestücke kann ich alleine leider nicht aufhängen, also ist meine Nachbarin zu mir gekommen. Durch sie und die anderen Helfer traue ich mir mittlerweile auch kompliziertere Sachen zu, ohne dafür immer auf den Pflegedienst warten zu müssen.

Dadurch, dass ich mehrere Nachbarn anrufen kann, muss ich mich auch nicht andauernd bei den gleichen melden. Ich will ja niemandem auf die Nerven gehen. Ich gebe mir außerdem Mühe, dass die Arbeit unter allen gut verteilt ist. Interessant ist, dass gerade meine Mutter kürzlich noch die Sorge geäußert hat, dass ich damit anderen zur Last fallen könnte. Für sie ist Hilfe einfordern irgendwie noch viel schwieriger als für mich. Durch das Helfernetzwerk habe ich dieses komische Gefühl, für andere eine Nervensäge zu sein, ein bisschen abgelegt. Ich weiß nämlich: Wenn es für die Person aus dem Helferkreis, die ich anrufe, gerade nicht passt, dann sagt sie das auch ehrlich. Von anderen höre ich sogar, dass ich mich ja schon lange nicht mehr gemeldet hätte und das ruhig machen könne. Ich werde also sogar ermutigt, mich bemerkbar zu machen, wenn etwas ist. Meine Nachbarn wissen ja auch, dass ich sie nicht aus Bequemlichkeit um Hilfe bitte.

Bei der Entscheidung, hierher zu ziehen, war es ein weiteres wichtiges Kriterium für mich, dass das Gelände, die Häuser und die Wohnungen barrierefrei sein würden. Die Claudius-Höfe erfüllen das heute größtenteils, aber leider nicht vollständig – ich stoße im Alltag immer mal wieder auf bauliche Hindernisse. Zum Beispiel gibt es mehrere wichtige Eingangstüren an anderen Gebäuden, die keinen automatischen Öffnungsmechanismus haben. Wenn ich dort jemanden besuchen möchte, komme ich weder alleine in die jeweiligen Häuser hinein noch wieder selbstständig heraus. Und meine Haustür kann ich zwar von meinem Zimmer aus öffnen, die Wohnungstür muss ich dagegen selbsttätig aufmachen. Es kann manchmal einen Moment dauern, bis ich vorne bin. Wer das nicht weiß, steht manchmal ungeduldig im Flur und klingelt. Das ist schon etwas ungünstig gelöst.

Abgesehen davon habe ich aber wirklich nur gute Erfahrungen mit diesem Wohnmodell gemacht. Ein besonders gutes Gefühl ist es für mich, dass die meisten Leute das Projekt nicht nur als eine kurzfristige Sache sehen. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass die Menschen hier es wirklich gut finden, so zu leben. Dahinter steht ja die schöne Idee, die es in Dorfgemeinschaften früher schon gab: Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch, weil jeder ein gleichwertiger Teil der Gemeinschaft ist. Genau so fühle ich mich hier.“

Sebastian Drolshagen sitzt in seiner Wohnung an seinem Schreibtisch
Zimmer mit Aussicht.
CDs der Hörspiele Die Drei Fragezeichen
Sebastian Drolshagen ist Fan der "Drei Fragezeichen".
Verschiedene Hörspiele im CD-Regal
Auch Hörspiel-Klassiker gehören zur Bibliothek.
Sebastian Drolshagen sitzt im Rollstuhl
In seiner rollstuhlgerechten Wohnung fühlt sich Sebastian Drolshagen wohl.
Ein Auszug aus dem Regionalbericht des Forschungsprojekts SoPHIA
Michael Wedershoven in der Diskussion
Michael Wedershoven, Referatsleiter der LWL-Behindertenhilfe Westfalen.
Berthold Bültgerds in der Diskussion
Berthold Bültgerds, Bürgermeister der Gemeinde Wettringen.
Prof. Dr. Sabine Schäper in der Diskussion
Prof. Dr. Sabine Schäper von der Katholischen Hochschule Münster.
Das Titelblatt des Regionalberichtes des Forschungsprojektes SoPHIOA

Interview

Ein Blick von allen Seiten

Theorie und Praxis ergänzen sich, wenn die Katholische Fachhochschule Münster, Kommunen aus Westfalen und der LWL gemeinsam an Forschungsprojekten arbeiten. Wie das funktioniert hat, diskutieren im Interview die Fachhochschulprofessorin Dr. Sabine Schäper, der Bürgermeister der Gemeinde Wettringen, Berthold Bültgerds, und Michael Wedershoven, Referatsleiter der LWL-Behindertenhilfe Westfalen.

Frau Schäper, warum sind älter werdende Menschen mit Behinderungen für die Katholische Fachhochschule als Zielgruppe interessant?

Sabine Schäper: Die Zahl der Menschen mit Handicaps, die heute oder in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen, wird immer größer. Für Deutschland ist das ein neues Phänomen, weil durch die Euthanasie-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg fast eine ganze Generation von Menschen mit Behinderungen ausgelöscht worden ist. Dieser schreckliche Teil unserer Geschichte hat den demografischen Wandel bei Menschen mit Handicaps hierzulande stark verzögert. Was das bedeutet, wird uns immer wieder deutlich, wenn wir uns mit Kolleginnen und Kollegen aus den Niederlanden, Schweden, den USA und Australien austauschen. Diese Länder sind in der Forschung deutlich weiter als Deutschland, auch, weil sie diese Generationslücke nicht haben. Ein weiterer Aspekt, der die Lage insgesamt verändert, ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie umzusetzen ist eine große Aufgabe für die Kommunen und umso mehr für kleinere Gemeinden, die dafür sorgen müssen, dass Menschen mit Behinderung an Entscheidungsprozessen partizipieren, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben können und Wahlmöglichkeiten haben. Dafür braucht es gute Konzepte und Ideen, die für alle praktisch anwendbar sind.

Interview mit der Fachhochschulprofessorin Dr. Sabine Schäper (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Womit genau haben Sie sich in Ihrer Forschung besonders beschäftigt?

Sabine Schäper: Zu Anfang haben wir die Gruppe der Senioren mit Behinderungen erst einmal rein zahlenmäßig erhoben. Das war eine wichtige Grundlage, um die Bedeutung dieser Lebenssituation einschätzen zu können. Die Erkenntnisse haben wir mit den theoretischen Hintergründen verbunden, um Anhaltspunkte für die Praxis zu entwickeln. In der nationalen und internationalen Literatur und Forschung haben wir recherchiert, inwiefern die Alterungsprozesse bei dieser Gruppe anders sind als bei anderen Senioren und was das für das Wohnen bedeutet. Schließlich haben wir uns in allen Projekten auf unterschiedliche Weise mit den konkreten Herausforderungen auseinandergesetzt, die daraus entstehen. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist hierfür ein guter Partner, weil er uns viele Zahlen und Daten liefern kann und zusätzlich zu unseren eigenen Kontakten weitere Zugänge zu Anbietern zum Beispiel von Wohnprojekten oder -heimen schaffen kann. Außerdem legt der Verband selbst großen Wert darauf, gemeinsam mit der Praxis eine Idee davon zu entwickeln, wie die Zukunft aussehen kann – etwa im Bereich der Kommunen durch Modelle kooperativer Sozialplanung.

Was ist das genau, diese „Sozialplanung“? Wer plant dort was und für wen?

Michael Wedershoven: Jeder Mensch lebt in verschiedenen sogenannten Sozialräumen, die sich allerdings oft nicht trennscharf voneinander unterscheiden lassen. Am wichtigsten ist ihm das direkte private Umfeld, das von Person zu Person höchst verschieden ist: Das Haus oder die Wohnung gehören dazu, die Familie, die Freunde, meist aber auch die Nachbarschaft oder der Sportverein. Wenn wir allerdings in sozialplanerischer Fachsprache von diesen Räumen sprechen, meinen wir, dass für alle Menschen in ihrem weiteren Umfeld jetzt und in Zukunft Lebensbedingungen geschaffen werden, die für alle Menschen förderlich sind. Es geht dabei nicht darum, dass alle das Gleiche haben, sondern um gleiche Chancen und – mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention oder das Bundesteilhabegesetz – die gleichen Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. All das ganz unabhängig davon, ob ein Mensch eine Behinderung hat oder nicht.

Michael Wedershoven im Interview
Interview mit Michael Wedershoven, dem Referatsleiter der LWL-Behindertenhilfe (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Wer wird bei diesen sozialplanerischen Fragen denn künftig „den Hut aufhaben“, also bestimmen, was genau wo geplant und angestoßen wird?

Michael Wedershoven: Die Federführung sollte bei den Kommunen liegen, da sie in der Breite der Themen Kenntnisse und Kompetenzen haben. So können sie individuell die Weichen für das stellen, was sie erreichen möchten und müssen. Das ist nicht zuletzt deshalb sinnvoll, weil die Regionen in Deutschland sehr unterschiedlich sind. Der LWL bringt sich mit seinen Kompetenzen und Entscheidungsbefugnissen ein. Dabei wollen wir die Kommunen nicht mit pauschalen Planungskonzepten überrollen, sondern erarbeiten alle wichtigen Antworten gemeinsam auf regelmäßigen Treffen, den Regionalplanungskonferenzen. Diese Sitzungen bereiten wir als LWL-Behindertenhilfe mit vor. In dem kooperativen Prozess treffen wir dann die Entscheidungen gemeinsam mit den Kommunen, Vertretern der Selbsthilfe und Leistungsanbietern.

Herr Bültgerds, was ging Ihnen durch den Kopf, als die Hochschule und der LWL zum ersten Mal mit der Idee des Forschungsprojekts auf Sie zukamen?

Berthold Bültgerds: Wettringen ist mit 8.200 Einwohnern eine relativ kleine Gemeinde. Sie ist aber gerade für ihre Größe etwas Besonderes: Mitten im Ortszentrum liegen das Marienheim, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, die knapp 100 Plätze bietet, und eine Altenwohnanlage mit knapp 60 stationären Betten. Wir sind hier also vergleichsweise gut aufgestellt, um mit den Herausforderungen des demografischen Wandels zurechtzukommen. Dennoch: Wir wollten gerne bei dem Projekt mitmachen, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist die Erhebung der Daten auch für uns sehr wertvoll, obwohl uns viele Effekte hier wahrscheinlich mit ein wenig Verzögerung treffen werden. Das liegt – wie wir erfahren haben – daran, dass unsere Einwohner altersmäßig unter dem Landesschnitt liegen, wir also etwas „hinterher“ sind mit dem Altern als andere Orte. Zum anderen sorgt ein solches Projekt mit dafür, dass das Thema in der Gesellschaft besser wahrgenommen und akzeptiert wird.

Herr Wedershoven, wie schätzen Sie Wettringen hinsichtlich der Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen ein?

Michael Wedershoven: Die Gemeinde ist schon weit in Bezug auf die Belange und Bedürfnisse von Menschen mit Handicaps. Das Gleiche gilt übrigens auch für Senioren oder Familien ohne Behinderungen. Die Supermärkte etwa liegen nicht am Dorfrand, wie das in vielen anderen Gemeinden üblich ist, sondern direkt im Zentrum. Dadurch sind sie für die Menschen unkompliziert ohne lange Wege und vor allem ohne Auto erreichbar. Aus allen umliegenden Wohngebieten führen außerdem gut ausgebaute Rad- und Fußwege direkt in die Ortsmitte.

Hat sich das durch Zufall so entwickelt oder war das geplant?

Berthold Bültgerds: Das war geplant. Meine Vorgänger haben hier schon vor vielen Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen. Es gab damals sicherlich verschiedene Gründe für diese Art der Planung, aber einer davon war, dass die älter werdenden Menschen der Gemeinde im Alltag möglichst kurze Wege haben sollten. Und heute setzen wir darauf, die Besiedlung im Ort weiter zu verdichten: Wir haben direkt im Zentrum neue Wohnmöglichkeiten geschaffen, in denen jetzt einige älter werdende und nicht mehr so mobile Menschen aus den Bauernschaften ein neues Zuhause gefunden haben.

Michael Wedershoven: Das sind genau die Vorteile, die ich in einer regionalen Sozialplanung im Vergleich zu pauschal verordneten Konzepten für alle Kommunen sehe. Wettringen ist ein gutes Beispiel dafür, denn hier, direkt vor Ort, laufen die entscheidenden Stränge ja erst zusammen. Es ist eben nicht nur die Frage wichtig, ob es im Rathaus eine Rollstuhlrampe oder einen Fahrstuhl gibt. Es geht um alle Lebensbezüge der Menschen, die hier leben, und diese Bezüge müssen wir von der Behindertenhilfe bewusst zusammen mit den Verantwortlichen aus der Gemeinde gestalten. Wettringen ist auch auf den Regionalplanungskonferenzen immer wieder ein gutes Beispiel dafür, wie positiv es sich auswirkt, wenn die richtigen Entscheidungen aus einem örtlichen Bewusstsein heraus und in der Verantwortung für all diejenigen getroffen wurden, die in der Gemeinde wohnen.

Wie haben Sie es geschafft, Ihre Zielgruppe auch wirklich einzubinden, also ältere Menschen mit Behinderungen gezielt an den Planungsprozessen zu beteiligen?

Sabine Schäper: Auf ganz verschiedene Weise. Gestartet sind wir mit einer Auftaktveranstaltung zum Thema „Älter werden in Wettringen“, deren Programm wir ganz bewusst nicht weiter ausformuliert haben. Dazu haben wir dann gezielt auch Menschen mit Behinderung eingeladen – und stellten fest, dass wir schon bei diesem Schritt einfach nur die richtigen Voraussetzungen schaffen mussten, um Menschen anzusprechen, die wir gewöhnlich nicht bei solchen Bürgerbeteiligungsveranstaltungen sehen. Beispielsweise konnte bei der Anmeldung angegeben werden, ob Hilfe bei der Anfahrt und Ankunft benötigt wird oder ein Platz mit guter Sicht im Veranstaltungsraum gewünscht war, etwa, um auch im Rollstuhl sitzend alles gut verfolgen zu können. Wir haben also etwas eigentlich sehr Simples gelernt und umzusetzen versucht: Wir erreichen unsere Zielgruppe besser, wenn wir für Barrierefreiheit rund um die Veranstaltung sorgen. Das heißt auch, zum Beispiel die Präsentation zum Thema gegebenenfalls in Leichter Sprache aufzubereiten und falls nötig Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher bereit zu stellen. So oder so und für alle Teilnehmenden ist es außerdem wichtig, die Inhalte auf einem sprachlichen und intellektuellen Niveau zu halten, das jeder versteht.

Erreichen Sie so denn alle Menschen mit Behinderungen?

Sabine Schäper: Nein, auch das haben wir festgestellt. Wir haben uns dann in einem zweiten Schritt auf diejenigen konzentriert, die nicht zu den öffentlichen Veranstaltungen gekommen sind. Sie zu finden, war allerdings gar nicht so einfach, allein wegen des Datenschutzes und weil viele von ihnen von ihren Angehörigen zum Beispiel im Elternhaus versorgt werden. Diese Menschen haben wir Zuhause besucht, und sie gefragt, was im Bereich der Hilfen für ältere Menschen künftig noch besser gemacht werden kann.

Michael Wedershoven: Bei der Auftaktveranstaltung hatten wir eine wirklich bunte Gruppe von Menschen im Publikum, das hat mir gut gefallen. Es waren Personen um die 50 Jahre herum dabei, die noch keine körperlichen oder geistigen Einschränkungen hatten, sich aber bewusst waren, dass das irgendwann ein Thema für sie werden könnte. Manche hatten auch Betroffene in der Familie. Besonders begeistert hat mich, dass in den Arbeitsgruppen eine konstruktive, respektvolle Atmosphäre herrschte und gute Formen der Zusammenarbeit gefunden wurden. Es wird eine große Herausforderung werden, aber ich wünsche mir für die Zukunft sehr, dass es immer häufiger möglich sein wird, die Bürger über solche Beteiligungsangebote dazu anzuregen, sich konstruktiv einzubringen und Verantwortung in ihrer Gemeinde zu übernehmen.

Berthold Bültgerds: Ob und inwieweit das funktionieren wird, werden wir erst in einigen Jahren sagen können. Wir wissen aber zumindest für Wettringen schon jetzt – und das haben wir bei diesem Thema wieder aufs Neue bemerkt –, dass wir hier viele Bürgerinnen und Bürger mit einer hohen Bereitschaft haben, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das ist nicht nur in der Jugendarbeit zu spüren, wo traditionell viele Ehrenämtler anzutreffen sind, sondern auch in anderen Bereichen. Vor allem ab dem Alter 65 gibt es da ein besonders starkes Interesse.

Interview mit Berthold Bültgerds, dem Bürgermeister der Gemeinde Wettringen im nordwestlichen Münsterland (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Was ist, wenn sich eines Tages zu viele Bürger beteiligen und Erwartungen bei ihnen geweckt werden? Kann das nicht auch zu großen Enttäuschungen führen?

Sabine Schäper: Bürgerbeteiligungsverfahren werden manchmal als Gelegenheiten missverstanden, bei denen Bürger sich etwas wünschen dürfen – und dadurch kann natürlich die Erwartung geweckt werden, dass diese Wünsche auch unmittelbar erfüllt werden. Das ist aber nicht die Idee dieser Verfahren. Nach der Diskussion im Plenum muss hierbei immer auch realistisch abgewogen werden, was sinnvoll und notwendig im Sinne der Zielsetzung ist, um die es geht. Letztlich wird es für die Umsetzung natürlich auch immer darum gehen, was auch finanzierbar ist. Es dürfen keine unerreichbaren Standards entworfen werden, die am Ende nicht eingehalten werden können. Das wäre den Teilnehmenden gegenüber nicht fair, der Charakter der Veranstaltung muss also sehr klar verdeutlicht werden. Dennoch ist der Schritt enorm wichtig. Wir stellen immer wieder fest, dass bei noch so guter theoretischer Vorüberlegung die Bedürfnisse der Menschen vor Ort ganz andere sein können als es vom „grünen Tisch“ her scheint.

Berthold Bültgerds: Ich kann allerdings nicht bestätigen, dass Bürgerbeteiligungsverfahren Begehrlichkeiten wecken, so nach dem Motto: „Die Gemeinde zahlt das schon!“ Im Gegenteil: Den Teilnehmenden unserer Veranstaltungen war immer sehr bewusst, dass alle Ideen auch finanzierbar sein müssen. Sie hatten ihre eigenen Vorschläge oft schon im Vorfeld kritisch hinsichtlich des finanziellen Aufwands reflektiert und früh Prioritäten gesetzt. Aus meiner Sicht haben viele Bürgerinnen und Bürger hier ein sehr gutes Augenmaß.

Wie werden Sie die Ergebnisse weiterverwenden?

Berthold Bültgerds: Wir wollen auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse zum Beispiel ein „quartiersbezogenes Management“ aufbauen, dabei können wir uns durch Landesprogramme fördern lassen. Ein Kernpunkt dieses Konzeptes ist, dass wir damit das barrierefreie Wohnen in Siedlungen vorantreiben und verändern möchten. In diesen Gebieten leben auch ältere Menschen, gelegentlich allein, nachdem schon vor Jahren oder Jahrzehnten die Kinder ausgezogen sind. Diese Häuser sollen so umgebaut oder bei Neubauten von vornherein so gestaltet werden, dass sie auch für die nächste Generation bewohnbar sind oder veräußert werden können.

Michael Wedershoven: Wir haben mit den Erkenntnissen aus dem Projekt außerdem eine gute Diskussionsgrundlage für die Gespräche mit der Fachwelt und den Kommunen gewonnen. Zugleich war es spannend für uns als großer Sozialhilfeträger, die Außensicht der Fachhochschule auf unsere tägliche Arbeit kennenzulernen. Wir haben häufig leider nicht die finanziellen Mittel, die Zeit und das Know-how, um solche Projekte durchzuführen. Uns war es daher besonders wichtig, dass wir in Wettringen eine Art Erprobungsfeld für uns erschließen konnten. Aufgrund der praktischen Erfahrungen, die wir dort gesammelt haben, können wir unseren Kunden jetzt Empfehlungen geben. Im nächsten Schritt werden wir dann sehr konkrete Perspektiven und Modelle des Wohnens für ältere Menschen mit Behinderungen entwickeln.

Das Apartmenthaus ist über ein Fuß- und Radwegenetz direkt an das See-Ufer angebunden.
Der Dortmunder Stadtteil Hörde verändert sein Gesicht: Exklusive Bungalows, Sozialwohnungen und alternative Wohnprojekte wie das Apartmenthaus finden ihren Platz.
Die Baustelle des Apartmenthauses
Ein Haus mit Räumen für zwei Wohngruppen und acht Einzelapartments baut der LWL in der Nähe des Phoenix-Sees in Dortmund.
An der Promenade des Phoenix-Sees
Fünf Minuten vom Apartmenthaus entfernt liegt der künstlich angelegte Phoenix-See.
Das Apartmenthaus ist in eine lebendige Nachbarschaft eingebunden.
Eine überschaubare Größe des Hauses war ein wichtiger Bestandteil der Gesamtkonzeption des Wohnprojekts.

Interview

Mittendrin und doch in Ruhe

Ein großer Gemeinschaftsbalkon in der obersten Etage lässt einen weiten Blick ins Grüne und auf eine Reihe moderner Gebäude zu. In 200 Metern Luftlinie liegt der künstlich angelegte Phoenix-See. Geschäfte, Apotheken, Cafés und Restaurants sind fußläufig erreichbar – ideale Voraussetzungen für ein stadtnahes Wohnen, das trotzdem ausreichend Ruhe bietet. 24 Menschen mit psychischen Behinderungen werden im Oktober 2017 in das Apartmenthaus einziehen, das der LWL drei Kilometer von der Dortmunder Innenstadt entfernt baut. LWL-Krankenhausdezernent Prof. Dr. Meinolf Noeker und LWL-Sozialdezernent Matthias Münning haben sich den Rohbau angesehen.

Herr Prof. Dr. Noeker, wer wird hier in dieses Wohnhaus einziehen?

Noeker: Wir haben das Haus für Menschen mit seelischen Behinderungen entworfen, die von einer psychischen Erkrankung nicht gänzlich geheilt werden konnten und daher nicht vollkommen frei von den Symptomen ihrer Krankheit geblieben sind. Ihnen fehlen deshalb bestimmte Alltagsfähigkeiten. Oft sind sie aus dem Arbeitsleben herausgerissen worden und haben Brüche in der Familie erlebt. Diese Menschen sind durch all das ganz besonders empfindsam. Wie jeder gesunde Mensch brauchen sie zwar die Nähe und den Kontakt zu anderen, sind aber gleichzeitig sehr dünnhäutig, sehr verletzlich, sehr sensibel. Zum Beispiel legen sie im sozialen Miteinander manches eher auf die Goldwaage als andere Menschen. Sie brauchen auch andere Voraussetzungen beim Wohnen und im Alltag, um sich gut zu fühlen, Möglichkeiten zum Kontakt und zum Rückzug.

Wie können Sie diesen Spagat zwischen Nähe und Distanz, zentralem Wohnen und Ruhe für diese Menschen schaffen?

Noeker: Die Bewohnerinnen und Bewohner haben hier die Möglichkeit und die Freiheit, sich zurückzuziehen, aber sie vereinsamen dadurch nicht. In dem Haus werden jeweils acht Menschen in zwei Wohngruppen zusammenleben, eng begleitet von pädagogischem Betreuungspersonal. Möglichst große Selbstbestimmtheit ist das Ziel. Das verlangt von den Bewohnerinnen und Bewohnern aber täglich, Selbstverantwortung einzuüben. Ein wichtiger Teil des Konzeptes ist, dass die Größe des Hauses überschaubar bleibt. Auch die acht Einzelapartments, die hier entstehen, werden zwar viel Privatsphäre zulassen, aber trotzdem eng mit der Hausgemeinschaft verknüpft sein. Mit Hilfe der Betreuungskräfte können die Bewohnerinnen und Bewohner zudem Kontakte zu den Menschen in der Umgebung aufbauen, zum Beispiel, indem sie an den nahe liegenden See, in ein Café, in die Nachbarschaft oder in Sportvereine gehen.

Interview mit dem LWL-Krankenhausdezernenten Prof. Dr. Meinolf Noeker (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Herr Münning, wie wichtig ist auch in gesellschaftlicher Hinsicht diese Öffnung nach außen?

Münning: Eine gute Betreuung ist für die künftigen Bewohner wichtig. Sie können ohne fremde Hilfe kein normales Leben führen. Noch vor einigen Jahrzehnten war es so, dass es in jeder Stadt in der Region einen Angst-Ort gab. Das war immer die psychiatrische Anstalt. Jeder dachte: Wenn man nicht mehr sauber tickt, kommt man dorthin. Wir wollen diese negative Wahrnehmung – auch der Menschen, die psychische Krankheiten haben – verändern. Auch Menschen mit psychischen Behinderungen gehören in unsere Mitte. Durch die dezentralen Angebote gelingt es, dass sie ein normales Leben führen können. Das ist nicht nur für die behinderten Menschen, sondern auch für ihre Verwandten, Nachbarn und Freunde besser. Und letztlich auch für uns alle, denn jeder von uns kann ein solches Schicksal erleiden.

Noeker: Psychiatrien waren damals auch deswegen solche Angst-Orte, weil die Patienten zusätzlich zu ihren psychischen Erkrankungen das vermeidbare Leid der Entwurzelung erfahren mussten. Sie wurden aus ihren Beziehungen zu Nachbarschaft, Familie, Freunden und aus den Alltagsroutinen herausgerissen, verloren durch die Behandlung ihrer Krankheit ihr gewohntes Umfeld. Gerade das ist aber insbesondere für Menschen mit psychischen Störungen sehr wichtig, weil Beziehungen, tägliche Routinen und Strukturen in schwierigen Lebenssituationen besonders viel Halt geben können.

Münning: Die Umstände von früher wollen wir jedenfalls nicht mehr haben. In den vergangenen Jahren ist diese Aufgabe durch das Thema der Inklusion noch größer geworden. Wir wollen allen Menschen mit Behinderungen eine vollständige Teilhabe ermöglichen, die auch das Wohnen betrifft. Und dazu gehört eben nicht nur, wie eine Wohnung gebaut und eingerichtet ist, sondern auch der „Sozialraum“. So nennen wir das gesamte Umfeld, in dem sich Menschen täglich bewegen. In der Vergangenheit haben wir das noch nicht so umsetzen können, wie wir uns das vorgestellt haben. Es ist nicht einfach, eine reibungslose Inklusion zu schaffen, und es braucht Zeit.

Noeker: Das alles ist eine große Herausforderung, das ist uns klar – und das werden wir auch bei diesem Projekt so erleben. Bis so ein Haus nach innen und außen gut funktioniert, braucht es Zeit. Eine der Aufgaben unserer Betreuungsteams ist es, frühzeitig und feinfühlig Ausschau danach zu halten, wo es Überschneidungs- und Begegnungspunkte zwischen den Hausbewohnern und der Nachbarschaft, Organisationen oder Vereinen geben könnte. Die Öffnung nach außen wird nicht dem Zufall überlassen, sondern individuell mit den Bewohnern geplant. Das ist sehr wichtig, um früh herauszufinden, welche sozialen Beziehungen die Menschen, die hier leben werden, überhaupt aushalten können und wollen.

Um solche Ideen umzusetzen, braucht es ja oft auch viel Geld. Wie teuer ist ein solches Wohnmodell für die öffentlichen Kassen – im Vergleich zu einem Heimplatz?

Münning: Ich bin mir sicher, dass die Inklusion in der Form, wie wir sie hier betreiben, preiswerter ist als ein klassisches Heim für Menschen mit Behinderungen. Das ist eine These, die zwar oft als provokant angesehen wird, für die aber vieles spricht. Die zentrale Frage dabei ist, welche Wirkung wir mit unseren Maßnahmen erzielen: Wenn wir unsere Arbeit mit der Situation vor 50 Jahren vergleichen, sehen wir zu heute sehr deutliche Veränderungen. Damals lebten alle Menschen mit psychischen „Auffälligkeiten“ auf engstem Raum zusammen. Sie haben sich allein durch diese räumliche Isolation regelrecht gegenseitig hochgeschaukelt, wenn ich das einmal so formulieren darf. Die Menschen wurden im Schichtdienst zwar rund um die Uhr pflegerisch betreut – für weitergehende Aufgaben fehlte oft einfach die Zeit. Heute erlauben es die Strukturen, dass sich das Personal über die reine Betreuung hinaus für die Patientinnen und Patienten einsetzen kann, zum Beispiel, indem es die Kontakte der Menschen mit der Außenwelt, also in den Sozialraum hinein, gezielt anleitet und unterstützt. Das ist enorm wichtig, denn dadurch entsteht eine Normalität, die wiederum dazu führen wird, dass sich die Menschen mit ihren Erkrankungen viel besser fühlen. Dadurch wird auf mittelfristige Sicht auch der Betreuungsaufwand deutlich geringer werden.

Interview mit dem LWL-Sozialdezernenten Matthias Manning (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Damit ist die Frage nach den Kosten aber noch nicht beantwortet.

Münning: Da mache ich es mir einfach: Wenn das Neue nicht teurer ist als das Alte, ist alles in Ordnung. Wir rechnen diese Projekte durch und vergleichen sie mit klassischen stationären Einrichtungen. Nur, wenn sie nicht teurer sind, setzen wir die Projekte tatsächlich um.

Wird das aus Ihrer Sicht auch in Zukunft so funktionieren?

Münning: Generell schon. Wir haben dabei aber noch eine ganz andere Herausforderung zu bewältigen, denn wir überholen uns im Moment sozusagen selbst. Je besser wir die Menschen versorgen, desto länger leben sie und müssen entsprechend auch länger unterstützt werden – und das kostet Geld. Es gibt dazu aber absolut keine Alternative, denn alles andere wäre ja in höchstem Maße zynisch. Im Einzelfall sinken die Kosten also, im Gesamtsystem benötigen wir aber mehr Geld. Das ist alles andere als ein trivialer Effekt, weil unsere Finanzierungssysteme noch auf den Zustand von vor 50 Jahren ausgelegt sind, als Menschen mit Behinderungen sehr selten ein hohes Lebensalter erreicht haben. Für uns als Gesellschaft heißt das: Je mehr medizinischen Fortschritt es gibt, desto mehr Leistungen werden erforderlich. Es gibt aber einen weiteren Effekt. Je mehr wirtschaftlichen Erfolg es in unserem Land gibt, desto mehr Geld brauchen wir für die Menschen, die das Tempo und die damit verbundenen Anforderungen nicht mitgehen können und schon jetzt – oder in Zukunft – besonders unterstützt werden müssen. Deswegen setzen wir uns in Berlin dafür ein, dass der Bund sich „dynamisch“ an den Kosten beteiligt, also bei den Finanzen flexibel auf künftige gesellschaftliche Entwicklungen reagiert.

Noeker: Bei solchen Projekten wie hier am Phoenix-See sehen wir die große Chance, dass Menschen mit Behinderungen wieder mehr soziale Kompetenzen aufbauen und sich dadurch schrittweise wieder eigenständiger und integrierter in der Gesellschaft bewegen können. In einigen Fällen können sie vielleicht sogar wieder arbeiten – und entlasten so die öffentlichen Kassen. Manche werden in den kleinen Wohngruppen den nötigen Halt finden, um vielleicht später in eines der Apartments und womöglich sogar in eine eigene Wohnung wechseln zu können. Gleichzeitig, und auch das können wir nicht verschweigen, werden andere Bewohner ihr ganzes Leben lang eine intensive Betreuung brauchen.

Sie sprechen von Inklusion und von der sozialen Einbindung eines Menschen in sein Wohnumfeld. In der Vergangenheit war es oft so, dass zukünftige Nachbarn – gerade dann, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen einziehen sollten – eher mit Angst, Vorurteilen oder zumindest mit einem gewissen Unbehagen auf solche Pläne reagiert haben. Wie war das in Dortmund?

Noeker: Bisher hatten wir glücklicherweise noch keine negativen Reaktionen aus der Nachbarschaft – an anderen Standorten kennen wir das aber sehr wohl. Dort haben sich, bevor die Menschen mit Behinderung überhaupt eingezogen waren, kleine Bürgerinitiativen oder Nachbarschaftsvereinigungen gebildet, die sagten, dass sie nicht neben „den Verrückten“ leben wollten und dass diese Menschen „zurück in die Anstalten“ gebracht werden sollten. An solchen Orten klären wir auf. Wir machen den Anwohnern außerdem immer das Angebot, dass sie den Betreuern sofort davon berichten können, wenn sie befremdliche oder nicht einzuordnende Erfahrungen mit den Bewohnern gemacht haben. Die Betreuungskräfte agieren dann meist als gute „Übersetzungshilfen“ zwischen den Nachbarn und den jeweiligen Hausbewohnern, die oft eine ganz individuelle, oft beschwerliche Lebensgeschichte mit vielen Schicksalsschlägen und Krisenzuständen hinter sich haben. Die Anwohner verstehen so nach und nach besser, dass diese Menschen durch ihre Biografien Wunden davongetragen haben, die zwar nicht mehr offen sind, aber sozusagen wie Vernarbungen in Form einer seelischen Behinderung an der Oberfläche geblieben sind.

Matthias Münning: "Das Pflegepersonal wird die Kontakte der Menschen in den Sozialraum hinein anleiten und unterstützen."
Prof. Dr. Meinolf Noeker im Interview
Prof. Dr. Meinolf Noeker: "Manche Bewohner finden in Wohngruppen wieder Halt."
Der Bauplan des Projektes am Phoenix See
Ein Bauplan des Apartmenthauses.
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