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Kapitel

Marc Szymkowiak sitzt im Rollstuhl auf seinem Balkon

Wohnen – Wie wollen wir leben?

Kapitel 1
Leben mit Technik

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Reportage

Angekommen im eigenen Zuhause

In Bochum-Weitmar leben 16 Menschen mit schwersten Mehrfachbehinderungen zwar unter einem Dach, aber jeweils in einer eigenen Wohnung – selbstbestimmt und selbstständig. Die Männer und Frauen werden ambulant betreut und profitieren zugleich von der besonderen technischen Ausstattung, die der LWL für das Gebäude geplant, finanziert und in die Apartments integriert hat.

Seit einer Stunde sitzt Marc Szymkowiak nun schon an seinem Schreibtisch. Ab und zu blickt er auf und schaut durch das große Fenster hinaus auf die Elsa-Brändström-Straße, die mitten im Bochumer Stadtteil Weitmar liegt. Ansonsten ist er sehr konzentriert bei der Sache: Der junge Mann drückt nacheinander die Buchstaben auf der Tastatur seines schwarzen PCs mit einem Holzstab herunter, den er mit seinem Mund hin- und herbewegt. Marc Szymkowiak schreibt gerade eine E-Mail an einen Freund. Während er tippt, fährt er sich ab und zu mit der linken Hand über sein kurzgeschorenes, schwarzes Haar, aus dem inzwischen einige graue Spitzen hervorschimmern. Das Schreiben dauert zwar lange, aber der 40-Jährige ist geduldig. Er ist gerade beim „M“ seines Namens für die Zeile „Schöne Grüße, Marc“ angekommen, als es an der Wohnungstür klingelt. Erst nach einigen Sekunden nimmt er das Geräusch wahr. Er dreht seinen Rollstuhl leicht um die eigene Achse und drückt mit dem Holzstab einen Knopf, der direkt neben ihm auf der Konsole an seinem Rollstuhl angebracht ist. Die Wohnungstür wenige Meter hinter Marc Szymkowiak schwingt auf: Es sind seine Eltern, die ihn zweimal in der Woche in dem Apartmenthaus besuchen kommen, in dem er in seiner eigenen Wohnung lebt – ambulant betreut wie 15 andere Frauen und Männer mit schwersten Mehrfachbehinderungen auch.

Marc Szymkowiak sitzt m Rollstuhl an seinem Arbeitsplatz in seiner Wohnung
Marc Szymkowiak erzählt im Interview über sein Leben im Apartmenthaus Bochum (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Zutrauen würden Marc Szymkowiak so viel Selbstständigkeit wahrscheinlich die wenigsten Menschen. Er hat seit der Geburt eine schwerste Behinderung, eine spastische Tetraplegie. Sie sorgt dafür, dass er im Rollstuhl sitzt und seinen Körper nicht zielgerichtet bewegen kann. Seine Arme zucken manchmal, ohne dass er es kontrollieren kann, den linken Arm trägt er meistens hoch in die Luft gestreckt. Er spricht sehr undeutlich, so dass Ungeübte genau zuhören müssen, um seine Sätze zu verstehen. Seine Eltern dagegen wissen meist genau, was Marc Szymkowiak sagt. Sie waren immer da für ihren Sohn, dem die Ärzte am Anfang seiner Entwicklung vorhergesagt hatten, dass er niemals etwas eigenständig werde tun können. Die Eltern ließen sich davon nicht beirren. Sie fuhren ihn täglich zur Rehabilitation, sorgten rund um die Uhr dafür, dass er aß, wuschen und pflegten ihn. Entspannung, Spontaneität, Sorglosigkeit oder Loslassen: Das kennt die Familie nicht. Was für viele andere ganz selbstverständlich ist, ist bei den Szymkowiaks mit viel Aufwand verbunden und manchmal auch unmöglich. Deswegen war gerade für Mutter Monika der Schritt ihres Sohnes in die Selbstständigkeit groß und auch beängstigend. „Die Mama macht sich halt immer Sorgen“, sagt Wolfgang Szymkowiak über seine Frau, und nippt an seinem Kaffee. Zwischendurch steht er vom Küchenstuhl auf und betrachtet die Kinderzeichnungen, die an der Wand hängen; ein Nachbarjunge hat sie für Marc Szymkowiak gemalt. Der Vater wirkt gelassen. Doch auch er kann nicht ganz verbergen, wie unwohl er sich damals vor 20 Jahren gefühlt hat, als sein schwerbehinderter Sohn von zu Hause weg- und in ein Wohnheim einziehen wollte. Der Schritt klappte gut, die Familie gewöhnte sich daran. Doch vor fünf Jahren wurden die Sorgen wieder größer: Marc Szymkowiak bekam das Angebot, in seine eigene Wohnung in dem Bochumer Apartmenthaus zu ziehen.

Wolfgang Szymkowiak im Gespräch
Wolfgang Szymkowiak im Interview (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

„Es ist ein gutes Gefühl, in den eigenen vier Wänden zu leben.“

„Wir hatten uns mit der Wohnheim-Situation gut angefreundet und bekamen Angst, dass Marc hier nicht alleine klarkommen würde“, sagt Monika Szymkowiak. Sie sitzt an dem kleinen Küchentisch in der Wohnung ihres Sohnes und streicht unruhig mit den Handflächen auf der Tischplatte hin und her, während sie redet. „Wer sollte ihn denn morgens wecken oder ihm beim Aufstehen helfen, sein Lieblingsessen machen oder einfach für ihn da sein, wenn er von der Arbeit kommt?“ In ihren Augen sammeln sich Tränen. „Och, Mama, hör doch mal auf damit“, weist ihr Sohn sie zurecht. Ihm scheint das unangenehm zu sein. „Das klappt doch alles gut!“ fügt er noch hinzu. Später, in einer ruhigen Minute, erzählt aber auch Marc Szymkowiak davon, dass der Schritt nicht einfach für ihn war. Gerade am Anfang war ihm noch sehr unwohl zumute, die ersten Nächte in der neuen Wohnung waren unruhig, die Geräusche neu und fremd. Daran hat er sich erst langsam gewöhnt.

Marc Szymkowiak spricht mit seiner Mutter
Marc Szymkowiak freut sich über den regelmäßigen Besuch seiner Eltern.
Wolfgang Szymkowiak
Vater Wolfgang Szymkowiak ist froh über die Unabhängigkeit seines Sohns.
Marc Szymkowiak sitzt in seinem Rollstuhl
Marc Szymkowiak hat sein Leben gut im Griff.

Die Betreuer der Diakonie Ruhr hätten ihn seinerzeit aber sehr gut aufgefangen, erzählt die Mutter. Einige kannte er auch schon aus dem Wohnheim. Auch Monika Szymkowiak war und ist sehr angetan von der Unterstützung. „Es ist immer jemand für Marc da“, sagt sie. Ansonsten hilft die Technik im Alltag sehr. „Marc kann alles mit dem Mund und per Fernbedienung steuern, das Licht, die Rollläden, die Türen – das ist wirklich super“, beschreibt Vater Wolfgang die Vorteile, die die besondere Ausstattung der Wohnung mit sich bringt. „Hier ist alles so miteinander vernetzt, dass Marc alles vom Rollstuhl aus im Griff hat.“ Die Grundrisse aller 16 Wohnungen sind außerdem geradlinig geplant, damit die Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Rollstuhl in und um jede Ecke fahren können. Gleichzeitig übertrifft der Bau die gewöhnlichen Vorgaben der Barrierefreiheit. Normalerweise sind zum Beispiel Türschwellen von bis zu zwei Zentimetern Höhe erlaubt, die es Rollstuhlfahrern wie Marc Szymkowiak allerdings sehr schwer machen würden, sich in seiner Wohnung frei zu bewegen. In Bochum sind diese Barrieren nicht vorhanden, etwa bei den Balkon- und Terrassenausgängen: Sie sind dank versenkbarer magnetischer Türschwellen mit dem Rollstuhl leicht zu überwinden. Und: Die automatischen Be- und Entlüftungsanlagen sorgen dafür, dass die Bewohner die Fenster nicht öffnen müssen, was ihnen wegen ihrer Behinderung nicht möglich wäre.

Monika Szymkowiak
Monika Szymkowiak im Interview (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

„Magnetisch versenkbare Türschwellen, eine automatische Be- und Entlüftungsanlage – Barrierefreiheit par excellence!“

Die Entscheidung des Sohnes, selbstständig zu wohnen, habe sich am Ende sehr positiv auf die gesamte Familie ausgewirkt, sagen beide Eltern heute. Denn nach den ersten Sorgen dachten sie schnell auch daran, was es bedeuten würde, wenn sie eines Tages körperlich oder geistig nicht mehr so könnten wie heute – und dann nicht mehr imstande wären, ihren Sohn bei sich zu Hause zu betreuen. „Wir sind ja auch nicht mehr so jung“, erzählt Wolfgang Szymkowiak. Seine Frau nickt: „Es ist wirklich besser, wenn wir das jetzt und nicht erst später ausprobieren. So können wir Marc in den ersten Jahren noch gut bei diesem Schritt begleiten.“ Es gibt außerdem immer eine Rückkehrmöglichkeit in das Wohnheim. Das hatte man dem Sohn beim Umzug vom Wohnheim in das Apartmenthaus zugesichert: Jeder Mensch, der hier eigenständig lebt, darf wieder zurück, wenn es alleine nicht mehr geht. „Das gibt uns viel Sicherheit“, sagt Monika Szymkowiak.

Und doch: Durch die neue Wohnsituation hat sich viel verändert, an das sich vor allem die Eltern nach wie vor gewöhnen müssen. „Es ist manchmal schon komisch für uns, wenn Marc am Wochenende nicht nach Hause kommt, sondern lieber hier bleiben will. Oder wenn er anruft und sagt, dass wir nicht kommen sollen“, erzählt Monika Szymkowiak. „Es freut uns aber natürlich sehr für ihn, dass er jetzt die Freiheit hat, ,Nein’ zu sagen, wenn er sich mal nicht nach Gesellschaft fühlt. Wir merken daran ja auch, dass es ihm gut geht.“ Sie streicht noch einmal mit der Hand über den Tisch und schaut ihren Sohn dann lange an, der sich gerade wieder von der Spüle abwendet, wo er einen Schluck Wasser getrunken hat.

Marc fährt mit seinem Rollstuhl durch die Wohnung Richtung Küche
Sich in den eigenen vier Wänden frei bewegen …
Marc erhöht die Geschwindigkeit seines Rollstuhls
… und das mit recht viel "Speed" …
Marc fährt in seinem Rollstuhl wieder zurück
… ist für Marc Szymkowiak endlich möglich.

Der erwidert: „Ja, na klar geht es mir gut!“ – schwer verständlich zwar wegen seiner Behinderung, sein fröhlicher Gesichtsausdruck zeigt aber sehr deutlich, dass er das wirklich so meint. „Ich kann hier essen, wann ich will, einkaufen, was ich will, und auch rausgehen, wenn ich das möchte.“ Nachmittags, wenn er von der Arbeit aus der Werkstatt für behinderte Menschen kommt, kocht er sich zum Beispiel ganz entspannt erst einmal einen Kaffee. Dann sitzt er an seinem Computer und schreibt Mails, surft im Internet oder schaut eine DVD: Mit der Zeit hat er eine große Auswahl an Thrillern und lustigen Serien, sämtliche Harry-Potter-Teile und viele James-Bond-Filme zusammengesammelt, die sich in seinen Regalen ordentlich aneinanderreihen. Wenn ihm nicht nach Computer oder Filmen zumute ist, fährt er auch oft einfach spazieren oder holt sich von „Gerd’s Grill“ oder der Pizzeria „Sicilia“, die direkt an der nächsten Straßenecke liegen, eine Portion Pommes oder eine Pizza. Und ab und zu geht er auch mit Freunden und Betreuern in die Kneipe „Zur alten Post“, die er ebenfalls in nur zwei Minuten mit dem Rollstuhl erreichen kann.

Wolfgang Pohl sitzt in seinem Rollstuhl in seinem Wohnzimmer
Der 66-jährige Wolfgang Pohl in seinem Apartment.

Wolfgang Pohl ist manchmal auch bei der Kneipenrunde mit dabei. Der 66-Jährige wohnt eine Etage über Marc Szymkowiak, sein Balkon weist zur anderen Seite des Hauses hinaus. Hier sitzt er gerade und lässt sich die Sonne auf den nackten Oberkörper brennen: Seine Ruhe zu haben wie hier, keinen sehen zu müssen oder eben nur dann, wenn er es will, vieles allein tun zu können – das ist auch für ihn hier das Allerwichtigste. Er öffnet die Eingangstür ebenfalls mit einem Knopf auf einer Fernbedienung, die er ständig mit sich führt. „Die ist extra darauf programmiert“, erklärt Wolfgang Pohl. Mit seinem Rollstuhl kann er sich sehr schnell von Raum zu Raum bewegen, ohne störendes Rucken, weil es auch hier keine Schwellen gibt, die ihm das freie Rangieren erschweren würden.

Wolfgang Pohl steht mit seinem Rollstuhl in der offenen Balkontür
Den schwellenlose Übergang vom Balkon zum Wohnraum überwindet Wolfgang Pohl problemlos.
Wolfgang Pohl sitzt auf seinem Balkon in der Sonne
Die Sonne genießen – wann und wo Wolfgang Pohl es auch immer möchte.
Wolfgang Pohl sieht von seinem Balkon auf die Straße
Der Ausblick vom eigenen Balkon.

Der 66-Jährige lebt seit der Geburt mit der gleichen Diagnose wie Marc Szymkowiak: spastische Tetraplegie. Er ist wie Marc fast vollständig gelähmt. Seit vier Jahren wohnt er im Apartmenthaus – und hat hier zum ersten Mal in seinem Leben gefühlt, wie es ist, allein zu sein und selbstbestimmt zu leben. Von Zuhause ausgezogen ist der heutige Rentner, der vorher lange in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet hat, erst mit 45 Jahren. Auch er bezog damals ein Zimmer in einem Wohnheim der Diakonie Ruhr, die Etage teilte er dort mit zehn anderen Menschen, darunter auch Marc Szymkowiak. „Das war schon okay so, aber hier ist es einfach viel besser“, sagt er. „Im Wohnheim mussten die Türen immer offen stehen, damit wir mit den Rollstühlen hindurch fahren konnten. Das war zwar bequem, aber man hatte eben auch nie seine Ruhe.“

„Technik, die Unabhängigkeit ermöglicht: Hier können die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Türen schließen, wann sie wollen.“

Das Sprechen strengt Wolfgang Pohl merklich an, vor allem, wenn es längere Sätze sind. Er konzentriert sich dann kurz und überlegt etwas länger, bevor er weiterspricht: „Hier kann ich die Tür aufmachen und wieder schließen, wie ich es gerade möchte.“ Im Heim lebte er auf 16 Quadratmetern, hier sind es über 55 – also viel mehr Platz. Die Wohnung hat er außerdem selbst eingerichtet, die Möbel dafür ausgesucht und selbst gekauft, auch für seine Küche. Der Raum ist vollständig eingerichtet mit allem, was er täglich braucht. Gemeinsam mit einem Betreuer schreibt er regelmäßig einen Einkaufszettel und fährt damit in den nahegelegenen Supermarkt, um für sich – und nur für sich – alles Nötige zu besorgen. Dabei lässt er sich nur dann helfen, wenn er es wirklich möchte, auch zu Hause, im Alltag. Sein Betreuer hat ihm zum Beispiel gerade ein paar Schnittchen zurechtgemacht, während er aber selbst, und auch das ist ihm wichtig, auf den Knopf seiner Kaffeemaschine drückt. Anschließend sitzt er vor seinem heißen Getränk und seinem Schinkenbrot samt Schafskäsewürfeln und Kirschtomaten am Küchentisch, isst in aller Ruhe, schaut dabei zwischendurch auf einen großen Fernseher. Gerade läuft dort ein Video von einem Auftritt der Beach Boys. Pop- und Rockmusik, vor allem der 1960er- und 70er-Jahre, ist Wolfgang Pohls große Leidenschaft. An der Tür hängen viele alte Konzertkarten: Rolling Stones – „die habe ich schon drei Mal gesehen“ –, Rod Stewart, Peter Kraus, Herbert Grönemeyer. „Bochum, ich komm’ aus dir“, summt er kurz an und lacht.

Nach einer halben Stunde muss Wolfgang Pohl auf die Toilette. Er fährt in sein Badezimmer, schließt hinter sich die Tür. Mit einer Hebehilfe kommt er dort ohne Hilfe zurecht, schwingt sich allein aus dem Rollstuhl auf das WC und zurück. Die Spülung bedient er mit einer weiteren Taste auf seiner Fernbedienung, mit der er auch jede zweite Steckdose und damit zum Beispiel die Lampen in seiner Wohnung steuern kann. „Das ist etwas, was ich hier wirklich sehr gut finde: Ich bin auch dank der Technik mein eigener Herr im Haus und kann mir dennoch jederzeit Hilfe holen, wenn ich mal Probleme haben sollte“, sagt er. „Und die Toilette ist auch nie besetzt“, fügt er mit einem Grinsen hinzu.

„Ich kann mir jederzeit Hilfe rufen, wenn es nötig ist. Ansonsten bin ich mein eigener Herr.“

Das Alleinewohnen mag er nicht mehr missen. Zumal er Besuch bekommt, zum Beispiel von seinem Vater. Der ist inzwischen 91 Jahre alt und kommt vier- bis fünfmal im Monat in seine Wohnung. „Er macht sich immer noch ein bisschen Sorgen um mich. Für ihn bin ich halt doch irgendwie ein Kind geblieben.“ Kurze Zeit später wird Wolfang Pohl etwas müde. „Ich geh mal dösen“, sagt er mit einem breiten Lächeln, steuert seinen Rollstuhl aber nicht etwa ins Schlafzimmer, sondern in Richtung Wohnungstür. Er fährt zum Aufzug im Flur, damit hinunter ins Erdgeschoss, biegt dort einmal rechts um die Ecke ab und bleibt vor dem Hauseingang stehen. Die Spätsommersonne scheint ihm ins Gesicht. Das ist hier einer seiner Lieblingsplätze im Haus. Wolfgang Pohl begrüßt kurz Marc Szymkowiaks Eltern, die gerade die Wohnung ihres Sohnes verlassen haben und jetzt nach Hause fahren wollen, beobachtet dann noch ein wenig die Fußgänger draußen auf der belebten Straße – und schlummert langsam ein.

Eine Eintrittskarte des Konzerts Alive & Swingin
Pop- und Rockmusik sind die großen Leidenschaften des 66-Jährigen.
Ein Plattencover der Beach Boys auf dem Computer
Über den Computer steuert Wolfgang Pohl seine Musikanlage.
Eine Eintrittskarte für ein Konzert von Herbert Grönemeyer
Bei Herbert Grönemeyer war Wolfgang Pohl auch live dabei.

Monika und Wolfgang Szymkowiak haben das Apartmenthaus unterdessen verlassen und gehen langsam zum Auto, um sich auf den 30-minütigen Heimweg zu machen. „Das ist schon wirklich die richtige Entscheidung gewesen“, sagt die Mutter Marc Szymkowiaks abschließend. „Ich weiß gar nicht, warum mir das manchmal noch so schwer fällt.“ Immerhin lächelt sie jetzt wieder tapfer – und als sie sich noch einmal umdreht und nach oben schaut, sieht sie ihren Sohn auf dem Balkon sitzen. Er bewegt seinen Arm, um den beiden zu winken und sie damit zu verabschieden. Monika Szymkowiak strahlt nun endgültig über das ganze Gesicht und winkt zurück; dann dreht sich zu ihrem Mann um. „Komm, lass uns fahren. Er kommt ja schon am Wochenende wieder zu uns.“

Reinhald Jäger
Interview mit Reinhard Jäger, dem Leiter des Apartmenthauses Bochum (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

 

Hier erleichtert Technik den Alltag:


Der IR-Empfänger wird über ein Datennetzwerk (Ethernet) mit einem Facility-Server verbunden und im KNX/EIB-System verkabelt. Mit einer IR-Fernbedienungen können Multimediageräte wie TV, Radio, PC aber auch die Gebäudetechnik, wie Beleuchtung, Sonnenschutz und Türöffnung sowie die dezentrale Lüftung mit Wärmerückgewinnung persönlich gesteuert werden.


Die rollstuhlgerechten Bäder verfügen über 2-teilige Falttüren, welche nicht automatisiert sind.

Eine Nullbarriere-Türschwelle schließt sich durch eingebaute Magneten beim Schließen der Tür. Das Öffnen/Schließen der Tür erfolgt über einen Motorantrieb, der über einen elektronischen Klemmschutz verfügt, der Unfälle verhindert. Zusätzlich bietet ein elektronischer Verschluss das versicherungstechnische „Abschließen“ der Tür. Das Öffnen der Tür ist abhängig von der Lage des elektronisch steuerbaren Sonnenschutzes.

  
Die berührungslose Öffnung der Wohnungseingangstür erfolgt mittels „Weitbereichslesern“, die vor den Eingängen integriert sind. Hierzu benötigt der Mieter einen Transponder am Körper, damit die Leseeinheit ihn identifiziert und somit über den automatischen Türantrieb die Wohnungseingangstür öffnet.

 

Große Entwicklung: Unabhängig von ihrer Behinderungsart leben immer mehr Menschen in Westfalen-Lippe ambulant betreut

Datenbasis Eingliederungshilfe Wohnen – jährliche Meldungen an das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW

Der LWL baut das ambulant unterstützte Wohnen seit Jahren aus. Unabhängig von der Art ihrer Behinderung leben immer mehr Menschen in ihren eigenen vier Wänden, in Wohngemeinschaften oder in kleineren Wohneinheiten. Die Frauen und Männer können so selbstständig wie möglich ihren Alltag gestalten, sich aber zugleich auf eine regelmäßige Betreuung verlassen. Die Anzahl der Menschen, die ambulant betreut wohnen, hat sich zum Teil mehr als verdreifacht. Die größte Gruppe sind dabei die Menschen mit psychischen Behinderungen (fast 16.000). Auch alle anderen Behinderungsarten haben stark steigende Zuwachsraten zu verzeichnen.
Trendwende: Seit dem Jahr 2011 leben zum ersten Mal mehr Menschen mit Behinderung ambulant betreut als in stationären Einrichtungen

Trendwende: Seit dem Jahr 2011 leben zum ersten Mal mehr Menschen mit Behinderung ambulant betreut als in stationären Einrichtungen

Datenbasis Eingliederungshilfe Wohnen – jährliche Meldungen an das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW

Seit dem Jahr 2003 ist der LWL für die Wohnhilfen für Menschen mit Behinderungen zuständig. Seitdem baut der Verband das selbstständige Wohnen mit ambulanter Unterstützung aus. Auf diese Weise sollen die Selbstbestimmung der Menschen mit Handicaps gestärkt und ihre gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe verbessert werden sowie zugleich die Kosten für das Wohnen sinken. Der Erfolg dieses Konzeptes ist an den Zahlen ablesbar. Im Jahr 2004 lebte noch nicht einmal die Hälfte der Menschen mit Handicaps ambulant betreut. Schon im Jahr 2011 waren sie dagegen in der Mehrzahl und der Trend hält bis heute an: Im Jahr 2015 wohnten rund 5.000 Menschen mehr ambulant als stationär betreut – und das bei insgesamt stark gestiegenen Fallzahlen. Zu der positiven Entwicklung haben auch die Träger der freien Wohlfahrtspflege beigetragen, die in diesem Zeitraum eine ganze Reihe neuer Wohnangebote gemacht haben.

Das Gesicht des Avatars Billie auf einem Monitor
Das ist „Billie“ – ein Avatar, der Menschen bei der Planung ihrer Tagesabläufe unterstützen kann.
Zwei Roboterhände von links
Roboter können bei sehr einfachen Tätigkeiten nützliche Helfer für Menschen sein.
Zwei Roboterhände von rechts
Roboter könnten das Pflegepersonal in Zukunft von Routineaufgaben entlasten.
Ein Mitarbeiter benutzt den KogniMirror
Mit Fingerbewegungen …
Die Objekterkennung wird am Monitor angezeigt
… lässt sich der intelligente Spiegel steuern.
Der Kopf eines Roboters
Roboter sollen das Wohnen und Leben älterer und behinderter Menschen bequemer machen.
Der mechanische Kopf des Avatars Billie mit geschlossenen Augen
Die Vermenschlichung ist ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Robotern.

Interview

Die Technik, der Mensch und die eigenen vier Wände: Intelligentes Wohnen

Auf den ersten Blick fällt in dem Raum, in dem Helge Ritter an einem kleinen Esstisch sitzt, nur ein großer Roboter auf, der leicht mit dem Kopf nickt. Die Maschine steht direkt neben dem Professor, der in diesem neuen Gebäude für die Universität Bielefeld forscht. Der Roboter ist aber nicht das einzige High-Tech-Gerät im Labor des Exzellenzclusters kognitive Interaktionstechnologie (CITEC). Sämtliche Räume hier sind regelrecht vollgestopft damit, mal sofort sichtbar, mal erst auf den zweiten Blick. Unter der zum Teil offenen Decke etwa sind Dutzende Mikrofone, Sensoren und Beamer verbaut, an den Wänden hängen große Bildschirme und auch der Fußboden ist mit Sensoren ausgestattet, die per Dutzender Meter Kabel mit dem Überwachungsraum nebenan verbunden sind. Ein guter Ort, um mit Helge Ritter über eine häufig schwierige, oft aber auch vielversprechende Beziehung zu sprechen: die zwischen Mensch und Technik.

Helge Ritter sitzt in seinem Labor
Prof. Dr. Helge Ritter arbeitet an der Universität Bielefeld im Forschungsfeld kognitive Interaktionstechnologie.

Herr Ritter, warum finden Sie es sinnvoll, Wohnungen mit noch mehr Technik auszustatten, als es heute sowieso schon der Fall ist?

Ritter: Wir forschen hier für ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen, vor allem aber für Senioren und Menschen mit Behinderungen, die bestimmte Alltagsfähigkeiten langsam verlieren oder von vornherein nie hatten. Für sie wollen wir das Wohnen und Leben durch Technik bequemer, komfortabler und selbstbestimmter machen. Wir finden es außerdem wichtig, bezüglich der Sicherheit verbesserte Lösungen zu finden, beispielsweise, wenn jemand in der Wohnung gestürzt ist oder aus anderen Gründen schnelle Unterstützung braucht. Und wir haben auch die Fitness und Gesundheit der Bewohner im Blick – hier können zum Beispiel personalisierte Trainer in Form von virtuellen Charakteren neue Möglichkeiten bieten. Insgesamt wollen wir einen Beitrag leisten, dass sowohl Menschen im Alter als auch jüngere Leute, die mit einer Behinderung leben, länger beziehungsweise von Anfang an selbstbestimmt in ihrer eigenen Wohnung zurechtkommen können.

Welche Ideen und Entwicklungen sind das zum Beispiel?

Ritter: Der Startschuss fiel mit dem Thema „Roboter in Wohnungen“. Das war und ist eine der Grundlagen für das sogenannte „Intelligente Wohnen“ und damit auch für unser Projekt. Roboter haben gleich mehrere Vorteile. Sie können zum Beispiel schon mit sehr einfachen Tätigkeiten ausgesprochen nützliche Helfer für Menschen sein, die nicht alleine aus dem Bett aufstehen können oder generell nicht so mobil sind. Die intelligenten Geräte können aber auch für Unterhaltung sorgen und so den Alltag der Menschen, die sie nutzen, bunter und abwechslungsreicher machen. Gegenwärtig kann sich das Personal in den meisten Pflegeheimen einfach nur noch selten länger Zeit für einen einzelnen Bewohner nehmen, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist. Hier können in Zukunft Roboter das Personal von Routineaufgaben entlasten und dadurch mehr Freiraum für die Kommunikation von Mensch zu Mensch schaffen oder auch zusätzlich für Unterhaltung und Abwechslung sorgen. Unsere Forschungsprototypen sind zudem interaktiv konzipiert, ganz im Gegensatz etwa zum Fernsehen. Für viele sind sie daher per se sehr faszinierend und beleben so die Alltagsroutine.

Helge Ritter mit seinem Roboter
Prof. Dr. Helge Ritter im Interview (Untertitel zuschaltbar durch Klick auf das Untertitel-Symbol unten rechts; Qualität veränderbar durch Klick auf „Einstellungen“ - Rad-Symbol unten rechts daneben).

Das klingt noch sehr nach Zukunftsmusik. Ist so etwas überhaupt außerhalb des Labors und für eine breite Zielgruppe denkbar?

Ritter: Unser Forschungsprototyp ist momentan tatsächlich noch viel zu teuer für den Einsatz in der Breite. Die Bauteile wie Tastsensoren, Motoren, Kameras oder Mikrofone sind einzeln zwar schon recht günstig, müssen aber präzise aufeinander abgestimmt und in ein intelligentes System integriert werden. Darin liegt zugleich eines unserer größten Ziele: Wir wollen solche Systeme auf eine ganz neue Intelligenzstufe heben, damit sie auch wirklich mitdenken können – und lernfähig werden. Die damit verbundenen Entwicklungskosten machen die ersten Systeme noch sehr teuer. In Zukunft werden die Preise aber stark fallen. Ein Roboter, der wie oben beschrieben schon einiges können wird, wird künftig wahrscheinlich so viel wie ein Mittelklassewagen kosten. Die Komplexität ist auch ungefähr vergleichbar.

Sie arbeiten bereits an einer ganzen Reihe von Projekten in diesem Bereich, die für Menschen mit bestimmten Behinderungen sehr interessant sein könnten. Können Sie einige Beispiele nennen?

Ritter: Wir entwickeln zur Zeit gemeinsam mit den Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern in unserem Innovationscluster KogniHome einen Sessel, auf dem die Menschen spielerisch ihre Fitness trainieren können. Er gibt Übungen vor und funktioniert dadurch wie ein individualisierter Coach. Er kann auch auf mangelnde Bewegung oder Fehlhaltungen hinweisen und Verbesserungsvorschläge machen. Bei den sonstigen Konzepten geht es vor allem um Kommunikation, zum Beispiel bei unserem Avatar „Billie“. Er ist eine Art digitale Person und kann Menschen bei der Planung ihrer Tagesabläufe unterstützen. Im Gespräch mit ihm können die Nutzer gemeinsam die Ereignisse und Termine der Woche durchgehen. „Billie“ lernt nach und nach auch die Interessen der Menschen kennen, die ihn nutzen. Er speichert außerdem private Verabredungen, Arzttermine, Einnahmezeiten für Medikamente oder auch Arbeitszeiten und hilft dabei, wirklich nichts davon zu vergessen. Den Avatar haben wir auch schon in der Praxis getestet, mit großem Erfolg. Die Personen, die an den ersten Evaluierungen teilgenommen haben, fanden ihn sehr interessant oder waren sogar geradezu begeistert. Manche wollen ihn gar nicht mehr hergeben. Auf dieser Grundlage wollen wir jetzt Langzeitstudien erstellen, um einen immer besseren und realistischeren Eindruck davon zu bekommen, wie wir solche Technologien weiterentwickeln müssen.

Ein weiteres Projekt ist unsere digitale Küche. Sie assistiert beim Kochen, hilft mit der Einkaufsliste oder gibt bestimmte Zubereitungsschritte vor. Sie speichert aber auch Vorlieben und Gewohnheiten ab. Gerade für vergessliche Menschen macht sie den Alltag ein Stück sicherer. Die Küche weist zum Beispiel darauf hin, dass elektrische Geräte nicht ausgeschaltet wurden. Der mitdenkende Kleiderschrank wiederum kann unter anderem Kleidungstücke in Griffweite transportieren, sodass man sich nicht erst mühsam in einen anderen Raum bewegen muss. Er kommuniziert mit dem sogenannten „KogniMirror“, einem intelligenten Spiegel, der sich über Fingerbewegungen steuern lässt und an Termine erinnert, Hinweise zum Wetter gibt oder auch passende Kleidung vorschlägt.

Ein Mitarbeiter benutzt den KogniMirror
Der "KogniMirror" ist ein intelligenter Spiegel.
Der KogniMirror hat eine integrierte Kamera für die Haustür
Der intelligente Spiegel lässt sich mit Fingerbewegungen steuern.
Der Farbwähler des KogniMirrors
Der "KogniMirror" macht Vorschläge zur Farbauswahl …
Der KogniMirror verfügt über einen Terminkalender
… und erinnert an Termine.
Der KogniMirror verfügt über eine Wetter-App
Wettervorhersage per Spiegel: Bei 18 Grad Außentemperatur reicht ein leichter Pullover!

Bei diesen Technologien zeichnen sich offenbar zwei große Richtungen ab: Entweder wird die Technik vermenschlicht, wie bei Avataren oder sprechenden Geräten, oder bestimmte menschliche Tätigkeiten und Fähigkeiten, zum Beispiel die des Pflegepersonals, werden technisiert. Wie weit können oder sollten die Forscher hier gehen?

Ritter: Die Vermenschlichung ist ein ganz wichtiger Faktor, damit solche Technik von den Nutzern überhaupt als täglicher Helfer angenommen wird. „Billie“ zum Beispiel wird oft schon als ein echtes Gegenüber empfunden. Viele Personen, die den Avatar getestet haben, scheinen ihn gar nicht mehr wirklich als Technik wahrzunehmen, so ist zumindest mein Eindruck. Er ist für sie viel eher eine digitale Person, zu der sie eine Art Beziehung entwickeln können. Wenn in Zukunft Roboter eingesetzt werden sollten, wird sich dieser Effekt sicherlich noch einmal verstärken. Es gibt übrigens noch einen weiteren, praktischen Grund, warum es sinnvoll ist, Technologien anthropomorph, also menschenähnlich zu gestalten: Sie werden später in der häuslichen Umgebung eingesetzt und müssen dort ja mit ihren Abmessungen, Bewegungen und Fähigkeiten gut hineinpassen. Und Wohnungen sind nun einmal für Menschen gebaut.

Ab wann können wir damit rechnen, dass diese Technologien in der Breite eingesetzt werden, etwa im Ambulant Betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderungen oder Senioren?

Ritter: Die entsprechende Hard- und Software für die meisten Projekte ist schon jetzt gar nicht so teuer. Beides würde außerdem, wenn eines Tages in hohen Stückzahlen gefertigt, noch ein ganzes Stück günstiger werden. Ich schätze, dass wir in fünf bis zehn Jahren schon sehr alltagstaugliche Systeme vorfinden werden, die mit raffinierten Dienstleistungen aufwarten können und dabei dennoch erschwinglich sind.

Sie wirken sehr zuversichtlich. Was ist der Grund für diesen Optimismus?

Ritter: Die Sprünge, die technologische Entwicklungen heute innerhalb weniger Jahre machen, sind riesig geworden. Das haben wir nicht zuletzt auch Unterhaltungstechnologien zu verdanken, die für Durchschnittsverbraucher entwickelt wurden, wie die Xbox oder die Playstation. Die Firmen stecken gigantische Summen in die Entwicklung solcher Spielkonsolen, daher sind die Fortschritte in der Industrie auch so immens. Das kommt uns wiederum zum Beispiel beim „KogniMirror“ zugute. Hier verwenden wir unter anderem die Bewegungserkennung der Playstation, was sehr gut funktioniert. Ein anderes Beispiel sind Virtual-Reality-Brillen. Auch hier beobachten wir schon sehr große Fortschritte innerhalb weniger Jahre. Mit dieser Technologie könnten wir künftig etwa Wohnungen virtuell um zusätzliche Räume erweitern oder Menschen per virtueller Realität mit der Welt außerhalb ihrer Wohnung verbinden – zumindest im Kopf.

Professor Helge Ritter im Interview
Prof. Dr. Helge Ritter ist überzeugt: "Virtuelle Technologien können die Psyche positiv beeinflussen."

Wozu wäre das gut?

Ritter: Zum Beispiel könnten Kinder und Enkel so leichter den Kontakt mit ihren Großeltern halten und gemeinsam an einem virtuellen Ort sein, wenn es in der Realität wegen der räumlichen Distanz oder aus Zeitmangel nicht klappt. Das wäre auch für Menschen mit Behinderungen von Vorteil, die, wenn sie nicht mobil sind, etwa einen virtuellen Spaziergang mit Verwandten im Park machen könnten. So wird zumindest das Gefühl erzeugt, dass man dabei ist, teilnimmt, sich austauscht. Die Psyche ist ein sehr wichtiger Teil unseres Wohlbefindens und unserer Gesundheit. Vielleicht ließen sich durch solche Möglichkeiten bestimmte Probleme und Einschränkungen in diesem Bereich künftig teilweise ausgleichen und dadurch eine bessere Teilhabe am alltäglichen Leben schaffen.

Es gibt schon heute viele Menschen, die wegen ihres Alters oder wegen einer Behinderung Unterstützung brauchen. Rein kostenmäßig betrachtet: Wird es durch technische Hilfsmittel in Zukunft günstiger werden, diese Menschen gut zu versorgen?

Ritter: Ich hoffe auf eine solche Entwicklung, aber diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. In manchen Bereichen wie der Pharmaindustrie werden die Preise bewusst hochgehalten, damit sich das Geschäft lohnt – das kann auch im Pflege- und Betreuungsmarkt passieren. Auf der anderen Seite wird die industrielle Produktion automatisch dafür sorgen, dass die Preise sinken. Und weil es sich bei unseren Modellen häufig um digitale Produkte handelt, werden wir sicherlich allein durch diese Tatsache einen schnellen Preisverfall erleben. Das muss auch so sein, denn es wird sehr viele Menschen geben, die diese Produkte brauchen werden. Mit ihnen können sie außerdem ihre Lebensqualität verbessern, teilweise sogar enorm.

Das Thema Sicherheit ist für Sie ebenfalls wichtig, was an Produktideen wie den Sensoren abzulesen ist, die im Fußboden eingebaut sind und zum Beispiel melden können, wenn jemand in der Wohnung gestürzt ist. Das klingt sinnvoll, berührt zugleich aber auch den sensiblen Bereich der Datensicherheit. Sehen Sie diesbezüglich Risiken beim Einsatz solcher Technologien?

Ritter: Ich glaube, dass man grundsätzlich sehr aufpassen muss, hier eine gute Balance zu finden. Bettsensoren etwa sind dazu gedacht, dem Pflegepersonal zu melden, wenn jemand sich zu wenig bewegt und sich dadurch womöglich wund liegt. Das ist praktisch und im Zweifel sogar gesundheitsfördernd, aber eben auch ein Eingriff in die Privatsphäre. Es gibt zudem Ideen, diese Daten mit Kamerabildern zu kombinieren. Das würde noch weiter in die Wohnung als wichtigsten privaten Rückzugsraum eindringen. In anderen Situationen wiederum – beispielsweise auf der Toilette oder im Badezimmer – hätten bestimmte Technologien durchaus mehr Vor- als Nachteile. Ich könnte mir hier schon vorstellen, dass ich mir lieber von einer Maschine als von einem Menschen helfen lassen würde, weil das die Intimsphäre weniger verletzt. Dennoch muss die Privatheit immer und überall strengstens geschützt werden, sie darf nicht nur eine Illusion sein, während die Welt in Wirklichkeit irgendwelchen Sensoren oder anderen Technologien hinterherrennt.

Zwei junge Forscher
Ein junges Forscherteam entwickelt neue Produktideen.
Zwei Forscher arbeiten am Computer
Xbox und Playstation liefern wertvolle Basisideen …
Forschungsergebnisse werden analysiert und diskutiert
… für die Entwicklung von Hilfsmitteln für behinderte Menschen.

Inwieweit müssen Forscher hierfür die Verantwortung übernehmen?

Ritter: Wenn künftig alle möglichen Firmen Zugriff auf private Daten bekämen, genaue Profile über jeden Menschen erstellen sowie erfahren und dokumentieren könnten, was in den eigenen vier Wänden passiert, wäre das eine Entwicklung, die viele sicher nicht wollen würden. Wir als Forscher müssen dennoch davon ausgehen, dass es in diese Richtung weiterlaufen wird. Deswegen müssen wir unsere Technik sehr verantwortungsvoll so gestalten, dass die Möglichkeiten zu einer übermäßigen Kontrolle von außen von vornherein beschnitten sind. Letztendlich liegt es trotzdem bei jedem Einzelnen: Verkaufen wir unsere Privatsphäre zum Beispiel gegen Vergünstigungen, die Krankenkassen im Gegenzug für Informationen bieten – oder tun wird das eben nicht? Wir müssen diese Fragen genau diskutieren. Dafür haben wir in unserem Projekt eine ganz eigene Abteilung. Die Wissenschaftler und Ingenieure, die wir ausbilden, werden bei uns sehr daraufhin sensibilisiert und erst danach in die Arbeitswelt hinaus geschickt.

Wie sorgen Sie dafür, dass Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen nicht über das Ziel hinausschießen, sondern wirklich die Bedürfnisse der Zielgruppen im Blick behalten?

Ritter: Wir sind sehr gut vernetzt, unter anderen mit unserem Kooperationspartner, den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Das unterscheidet uns von vielen anderen Projekten, denn in den Stiftungen probieren wir bestimmte Forschungsergebnisse „im echten Leben“ aus, also gemeinsam mit Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Behinderungen. Das ist für uns eine sehr wertvolle Zusammenarbeit, weil diese Probanden besonders sensibel dafür sind, wo es hakt, etwa bei den Benutzeroberflächen und der intuitiven Bedienung. Zugleich treffen wir bei unserem Kooperationspartner auf eine weitere wichtige Zielgruppe: die Betreuungspersonen. Sie haben gute und wichtige Ideen, wie solche Projekte umgesetzt werden könnten und sollten. Und sie müssen, weil sie sozusagen in der Rolle der Vermittler sind, die Technik ebenso gut annehmen und verstehen wie die Menschen, für die sie ursprünglich entwickelt wurde.

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